Schmid-Tannwald

Prof.Dr.med.Schmid-Tannwald, Frauenarzt

Auf der Suche nach der verlorenen Menschenwürde *

Der Mensch: Handlungsresultat und Zeugnis in der Lebens- und Alltagswelt ...

Die Ableitung der Menschenwürde (MW) aus der Gottebenbildlichkeit kann Ungläubige nicht überzeugen. Wir brauchen eine rationale, nicht metaphysische Darlegung der MW auf einem wissenschaftlichem Erkenntnisniveau. Ein Weg dorthin eröffnet sich, wenn man das Fortpflanzungsgeschehen beim Menschen in seiner Alltagswelt und nicht nur mit Hilfe des naturwissenschaftlichen Modells beschreibt. Also in dem Kontext, in dem sich das biologische und soziale Geschehen tatsächlich ereignet. Die Analyse und Beschreibung der menschlichen Lebens- und Alltagswelt findet sich in der phänomenologischen Soziologie, was die Kenntnis ihrer Fachsprache erfordert. Bei einer einer derart erweiterten Sichtweise weist sich der menschliche Organismus, anders als der pflanzliche oder tierische, als ein Handlungsresultat mit einer immateriellen lebensweltlichen Bedeutung. Jeder Mensch verkörpert als Person im Alltag eine "Welt für sich". Diese kann er mit anderen Menschen zu interpersonalen Welten oder Wirklichkeiten verbinden, woraus neue Menschen hervorgehen können , deren Welten wiederum davon geprägt werden.

Die uns umgebende Naturwelt mit ihren unbelebten Gegenständen, ihren Lebewesen sowie deren Produkten sind ohne unser Zutun entstanden und entwickeln sich ohne uns weiter. Wir können sie beschreiben, ihnen Bedeutungen zumessen und sie für unsere Zwecke in unser Handeln einbeziehen. Als Bestandteile unseres Handlungsresultates gelangen sie in unsere Lebens- und Alltagswelt herein. Hier haben diese Objekte eine lebensweltliche Bedeutung, die man an ihnen durch naturwissenschaftliche Untersuchungen nicht erfassen kann, wie etwa den Schmuck- oder Geschenkcharakter gepflückter Wiesenblumen. Unsere Lebens- und Alltagswelt ist der „Bereich des praktischen Handelns“ (Th. Luckmann) und wird von uns unter Einbeziehung natürlicher Produkte sinnhaft (A. Schütz) aufgebaut (konstituiert), aufrechterhalten und an unsere Kinder weitergegeben. Auch sie bzw. ihre Körper sind Handlungsresultate eines gesellschaftlich zu verantwortenden und in der Regel intimen wechselseitig unmittelbaren Handelns, in das unsere Keimzellen als natürliche Produkte unserer Körper einbezogen sind. Der dabei entstandene Organismus wird mit dem Nachweis seiner Existenz zu einer Tatsache auch in unserer Lebenswelt und erhält hier, wie andere Handlungsresultate auch, aufgrund seiner Vorgeschichte lebensweltliche Bedeutungen, die für „andere Umstände“ sorgen.

Der menschliche Körper als lebensweltlicher Bedeutungsträger Zu seiner Vorgeschichte in der Lebenswelt gehören die zunächst getrennten, dann die gemeinsam vollzogenen Handlungsabläufe im Leben seiner Eltern und der Aufbau ihrer gemeinsamen, einzigartigen Beziehungswirklichkeit durch ihre Beziehungsarbeit, bis sie ihr Kind gezeugt haben. Diesem werden in der Regel nach der Geburt und nach gesellschaftlichen Regeln Teile dieser lebensweltlichen Vorgeschichte oder Wirklichkeit seiner Eltern zugesprochen. Sie stehen im ersten Satz seines Lebenslaufes und im Personalausweis. Sie machen lebenslang seine objektive lebensweltliche Bedeutung aus und diese ordnet jeden neuen Menschen zweifelsfrei in die Lebenswelt und damit in die Geschichte der Menschheit ein. Später kommen noch anderer Bedeutungen (Eigenschaften, Fähigkeiten, Titel und Würden) hinzu. Sie sind nur zugesprochen und man kann sie wieder absprechen; sie sind antastbar.

Jeder Mensch: Resultat und Zeugnis intergenerativer und interpersonaler Handlungszusammenhänge Seine einzigartige Vorgeschichte reicht über die Eltern hinaus und verliert sich in der Vergangenheit, sind doch die Eltern jeweils selbst wieder Handlungsresultate ihrer Eltern. Sie alle mußten im Alltag unter dem Einfluß ihrer Mitmenschen ihre Existenz bestreiten. Aus solchen, auf die Zukunft hin offenen, intergenerativen und interpersonalen Handlungszusammenhängen, geht jeder menschliche Organismus hervor. Seine lebensweltliche Vorgeschichte ist über die Generationen (!) hinweg genau so und nicht anders abgelaufen. Schon die kleinste Änderung daran, etwa eine einladende Geste, hätte zu anderen Bewusstseins Erlebnissen, zu anderen Handlungen, zu einer anderen Paarbeziehung und zu anderen Nachkommen führen können. Dadurch wären andere Lebewesen derselben Gattung mit anderen Chromosomenkonstellationen entstanden und damit andere Personen mit anderen subjektiven Wirklichkeiten oder Welten.

Aufbau subjektiver und interpersonaler Wirklichkeiten Die einzigartige Beziehungswirklichkeit seiner Eltern prägt den menschlichen Organismus von Beginn an. Hierzu erhält er ab der frühen Ausbildung seines Hörvermögens mehr und mehr Zugang, was ihm den Aufbau und die Entfaltung einer einzigartigen individuellen (subjektiven) Wirklichkeit (Welt) ermöglicht (von Uexküll). Sie bestimmt sein Wahrnehmen, Urteilen, die Ausbildung seiner Interessen und sein autonomes Handeln als Subjekt im Alltag. Mit seinen Mitmenschen baut er aufgrund gemeinsamer Interessen zwischenmenschliche Beziehungswirklichkeiten (Welten) unterschiedlicher Größe (Zweierbeziehung und mehr) auf. Damit wirkt er an der Gestaltung seiner Alltags- und Lebenswelt mit; auch durch eigene Kinder.

Unantastbare Menschenwürde
Mit seiner Existenz bezeugt jeder Organismus von Anfang an die Handlungszusammenhänge, denen er entstammt und damit das Handeln und die Bewusstseins Erlebnisse von Menschen vor ihm. Sein Zeugnis-charakter von Anfang an und die Möglichkeit, mit seinen Mitmenschen neue Menschen und neue Welten hervorzubringen (theologisch gesprochen: seine „Teilhabe an der Schöpfung“) wohnen jedem Organismus inne. Sie ist ihm nicht zugesprochen und somit unantastbar. Sie machen seinen inneren Wert, seine Würde aus und begründen seinen privilegierten Status.

Autor: Prof. Dr. med. Ingolf Schmid-Tannwald 81677 München, Prinzregentenstr.93
* Kurzfassung des gleichnamigen Artikels aus dem Juniheft 2025 der „Neuen Ordnung“ Herausgeber: (die-neue-ordnung.de)